Donnerstag, 20. März 2014

Den verborgenen Heiland wittern und als „Kyrios“ bekennen

1. Jesus mit "Kyrios" anreden

Die Syrophönizierin ist also die einzige Person im Markusevangelium, die Jesus in einem Wortgefecht schlägt. Aber auch darüber hinaus ist sie äußerst bemerkenswert, denn

via butnotyet.com
- sie hört „verstehend“ vom verborgenen Heiland
- und bekennt ihn als „Herrn“ (Kyrios)

Mk 7, 24ff: „Und er stand auf und ging von dort in das Gebiet von Tyrus. Und er ging in ein Haus und wollte es niemanden wissen lassen und konnte doch nicht verborgen bleiben, sondern alsbald hörte eine Frau von ihm, deren Töchterlein einen unreinen Geist hatte. … Sie antwortete aber und sprach zu ihm: Ja, Herr ...

Dass die Syrophönizierin alsbald von ihm „hörte“ (akousasa), sollte nicht zu gering bewertet werden. Noch in Mk 8,18 ist es um die eigentlichen Jünger nicht zum Besten bestellt: „Habt Augen und seht nicht, und habt Ohren und hört (akouete) nicht, ...


Auch die Anrede als „Herr“ (Kyrios) ist meines Erachtens im vollen geistlichen Sinn zu verstehen. Gewöhnlich wird Jesus nur als „Lehrer“ (Didaskale) angesprochen.

Dazu zwei der von mir so geliebten Übersichten: Wie Jesus sonst angeredet wird, von Gott, den Dämonen, Gegnern und Freunden ...


2. Anrede als Lehrer, Meister (Didaskale)

Mk 4,38 Jünger: „Lehrer (Didaskale), fragst du nichts danach, dass wir umkommen?“
Mk 5,35 Angehörige des Jairus: „… was bemühst du weiter den Lehrer (ton Didaskalon)?“
Mk 9,17 ein Vater: „Lehrer (Didaskale), ich habe meinen Sohn hergebracht ...“
Mk 9,38 Johannes: „Lehrer (Didaskale), ...“
Mk 10,17,20 einer: „Guter Lehrer (Didaskale), ...“
Mk 10,35 Jakobus und Johannes: „Lehrer (Didaskale), wir wollen, ...“
Mk 12,14 Pharisäer und Herodianer: „Lehrer (Didaskale), ...“
Mk 12,19 Sadduzäer: „Lehrer (Didaskale), ...“
Mk 12,32 einer der Schriftgelehrten: „Lehrer (Didaskale), ...“
Mk 13,1 einer seiner Jünger: „Lehrer (Didaskale), ...“

 
3. Sonstige Anreden bzw. Aussagen

Gott Dämonen Gegner Jünger/Sympathis. Andere
Mk 1,11 Himmelsstimme/Gott: „Du bist mein lieber Sohn Mk 1,24 Dämon: „Nazarener“ „Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes!“ Mk 3,21 die Seinen: „Er ist von Sinnen.“ Mk 7,8 Syrophönizierin: „Herr (Kurie) ...“ Mk 6,15 einige: „Er ist Elia“; andere: „Er ist ein Prophet wie einer der Propheten.“
Mk 9,7 Himmelsstimme/Gott: „Das ist mein lieber Sohn ...“ Mk 3,11 Dämonen: „Du bist Gottes Sohn!“ Mk 3,22 Schriftgelehrte von Jerusalem: „Er hat den Beelzebul“ Mk 8,29 Petrus: „Du bist der Christus!“



Mk 5,7 Dämon: „Was willst du von mir, Jesus, du Sohn Gottes, des Allerhöchsten?“ Mk 6,3 Synagogenbesucher: „Ist er nicht der Zimmermann, Marias Sohn, und der Bruder …?“ Mk 10,47-48 Bartimäus: „Nazarener“ „Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“





Mk 6,16 Herodes: „Es ist Johannes, den ich enthauptet habe, der ist auferstanden.“
Mk 10,51 Bartimäus: „Rabbuni, ...“





Mk 14,67 Magd des Hohepriesters: „Nazarener Mk 11,21 Petrus: „Rabbi, sieh ...“





Mk 15,9,12 Pilatus: „König der Juden“ „den ihr den König der Juden nennt“ Mk 14,45 Judas: „Rabbi





Mk 15,18 Soldaten: „König der Juden Mk 16,6 junger Mann: „Jesus sucht ihr, den Nazarener, den Gekreuzigten





Mk 15,39 Centurio: „Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!“





Die Griechin aus Syrophönizien

Teil 1 - Jesus in einem Streitgespräch schlagen
Teil 2 - Den verborgenen Heiland wittern und als „Kyrios“ bekennen
Teil 3 - Jesus’ bizarrer Umweg zur Syrophönizierin
Teil 4 - Fragen zur Syrophönizierin
Teil 5 - Jesus beleidigt die Syrophönizierin als Hündchen

Zugabe - Von Dämonen und unreinen Geistern

Kommentare:

  1. Dass die Syrophönizierin als einzige die Form κύριε benutzt, ist tatsächlich eine gute Beobachtung! Ich frage mich allerdings, ob Markus die theologische Konnotation intendiert hat.

    Larry Hurtado (http://larryhurtado.wordpress.com/2014/08/22/important-studies-of-kinship-terms-and-forms-of-address/) hat neulich auf diesen Aufsatz (https://www.academia.edu/8113202/Kyrie_Despota_Domine_Greek_Politeness_in_the_Roman_Empire) hingewiesen, wonach κύριε scheints eine graecisierte Form des lateinischen "domine" ist. Zieht man diese Möglichkeit in Betracht, eröffnet sich eine weitere und vielleicht natürlichere Erklärungsmöglichkeit.

    Dann benutzt die heidnische Bittstellerin eine höflich-unterwürfige Anrede, wie man sie zur hellenistischen Zeit erwarten dürfte. Alle, die Jesus im übrigen Markusevangelium als "Lehrer" ansprechen, scheinen dagegen ausnahmslos Juden zu sein (das habe ich jetzt nicht nochmal überprüft, aber aus der Tabelle im Post scheint es hervorzugehen). Das bedeutet dann: Die Juden bezeichnen Jesus als Rabbi, wie es in der jüdischen Kultur seinem Selbstverständnis und öffentlichen Auftreten angemessen ist. Die Nichtjüdin dagegen benutzt eine höfliche, nichtreligiöse Anrede.

    Interessant ist auch, an welcher Stelle im Dialog die Anrede vorkommt. "Lehrer" scheint Jesus immer (ziemlich) am Anfang eines Dialogs genannt zu werden. Die Syrophönizierin verzichtet jedoch darauf und benutzt die Anrede erst nach Jesu harscher Zurückweisung (V. 28) – als Ausdruck der Höflichkeit? Natürlich, man könnte auch argumentieren: als Zeichen der Göttlichkeit, die sie in ihm sieht.

    Da sie aber anfangs (und das in ihrer Stellung als Nichtjüdin, die sie offensichtlich sehr gut versteht!) auf eine Anrede verzichtet hat, die Jesus theologische Hoheit zuschreibt, weist für mich aber eher darauf hin, dass sie das in V. 28 nicht plötzlich nachholt, sondern sich mit der Anrede als unterwürfig darstellt. Das ließe sich auch daran festmachen, dass sie sich demütigt, indem sie Jesu Bild von den Hunden einfach übernimmt.

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  2. Danke für den Kommentar Ben, vor allem aber für Deine unermüdliche Übersetzungsarbeit bei der Offenen Bibel. Viel Erfolg mit dem neuen Blog!

    Ich glaube, der "Didaskale" als Lehrer verweist sicher auch auf die "Mathetes", was ja wörtlich eher mit Schüler, als mit Jünger zu übersetzen ist. Ja, die Deutung des κύριε ist sicher offen.

    Lieben Gruß Kunigunde

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