Donnerstag, 3. Juli 2014

Unwägbarkeiten in Mk 14,1-11

Alabastron via
wikimedia
 

Als was erscheint Jesus in Mk 14,1-11 eigentlich? Als „würdig“ gesalbter Christus, als von teurem Duftöl „dekadent“ triefender Jesus oder als einbalsamierter leidender Gottesknecht?

In meinem letzten Beitrag habe ich zu vorschnell geurteilt. Ich hatte den Eindruck, dass gewisse Doppeldeutigkeiten und Unbestimmtheiten der Erzählung sich auflösen lassen und ihr Sinn in der Auslegung eindeutig „gemacht“ werden kann. 

Bei genauer Lektüre ist diese Annahme jedoch falsch. Markus scheint den Leser zu zwingen, sich in die Szene zu vertiefen und aus seiner schemenhaften Skizze einen Sinn zu "erarbeiten", der endgültig nicht festgelegt werden kann.


1) Zunächst ist bemerkenswert, mit welcher Sorgfalt Markus den Text der Salbungsszene ausbalanciert hat (Griechischer Grundtext am Schluss des Beitrags).

        Darniederliegend er, kam eine Frau
                                                        habend ein Alabastron
                                                                                         kostbaren Öls von echter Narde.
                                                        Zerbrochen habend das Alabastron
         niedergoß sie es auf seinen Kopf.

Auf der Textebene nehmen die Wörter „niederliegend“ und „niedergießen“ aufeinander Bezug, ebenso die im Kontrast von Beschützen und Zerstören stehenden Wörter „habend, bewahrend“ und „zerbrochen habend“. Im Zentrum der Szene steht nicht die Frau, sondern ein erstaunlich detailliert bezeichnetes Öl, an dem sich die Diskussion entzündet.

2) Unbestimmheiten

Äußerlichkeiten der Frau (Name, Herkunft, Alter, Status, Beziehungen zu Jesus oder zu den Anwesenden) erfahren wir aus dem Markusevangelium nicht. Es scheint, als habe Markus alle erläuternden Einzelheiten mit Absicht ausgeblendet, um die ungeteilte Aufmerksamkeit des Lesers auf die Handlungen der Frau und das Öl zu lenken.

Die Motive der Frau werden weder durch sie noch durch Markus benannt. Ihre Beweggründe bleiben im Dunkeln.

3) Doppeldeutigkeiten

- nach dem Wortsinn
κατακειμένου (darniederliegend – zu Tische liegend)
πιστικῆς (eigentlich „überzeugend“, „glaubwürdig“, mehrheitlich mit „echt“ übersetzt)
πολυτελοῦς (kostbar im Sinne von erlesen – wertvoll im Sinne von Geld)

- nach dem Handlungssinn
Handelt es sich um ein „vollkommenes Opfer“ der Frau oder eine dekadente Verschwendung? Die Frau „zerbricht“ das Alabastron und gießt den gesamten Inhalt über den Kopf von Jesus, schätzungsweise also einen guten Viertelliter wohlriechenden Öls. Jesus trieft hier von Öl, der Alabastron ist unbrauchbar gemacht.

4) Christus

Christus (bzw. Messias) bedeutet der „Gesalbte“. Hier nun ereignet sich eine Art Salbung. War sie würdig? Was ist von dieser Salbung zu halten?

Leser, die eine hochherrliche Messias-Salbung an Jesus erwarten (siehe hierzu z.B. 2. Könige 9), werden – natürlich – von Markus enttäuscht. Der leidende Gottesknecht wird nicht verherrlicht (Mk 8,27ff). Der markinische Jesus selbst interpretiert die Salbung in Mk 14,8 deshalb als vorweggenommenes Balsamieren (μυρίσαι) des (τὸ) Körpers (σῶμά) in Vorbereitung seiner Bestattung.

Aber das Problem der Salbungsszene sitzt viel tiefer. Es ist nämlich naheliegend (!), die Salbung (oder besser Ölung) von Betanien als dekadente Ausschweifung zu verstehen und in diesem Sinn haben es jene Anwesenden, die die Frau beschimpfen, auch gesehen.

Durch die nachfolgende Diskussion ist der Leser aufgerufen, sich die vorgebrachten Argumente zu durchdenken und nicht vorschnell zu entscheiden. Er hat zunächst zu begreifen, dass der Standpunkt derjenigen, die die Frau beschimpfen, im Grundsatz berechtigt (!) ist.

5) Der griechische Grundtext Mk 14,3

κατακειμένου αὐτοῦ ἦλθεν γυνὴ
ἔχουσα ἀλάβαστρον
μύρου νάρδου πιστικῆς πολυτελοῦς,
συντρίψασα τὴν ἀλάβαστρον
κατέχεεν αὐτοῦ τῆς κεφαλῆς

κατακειμένου (Niederliegend) αὐτοῦ (er, derselbe oder „für sich selbst“) ἦλθεν (kam) γυνὴ (eine Frau)

ἔχουσα (habend, bewahrend, bereit haltend) ἀλάβαστρον (ein Alabastron)

μύρου (mit Öl) νάρδου (der Narde) πιστικῆς (echt, überzeugend → zu Narde) πολυτελοῦς (kostbar, wertvoll → zu Öl) 

συντρίψασα (Zerbrochen habend) τὴν ἀλάβαστρον (das Alabastron)

κατέχεεν (niedergoß) αὐτοῦ (des Selbigen) τῆς κεφαλῆς (des Kopfes).

Kommentare:

  1. Nun ja, wieder mal das alte Lied. Die Juenger haben Jesus nicht als den begriffen, der er ist, weshalb er des Oels nicht wuerdig ist. Und Judas erkennt ihn erst recht nicht und zieht aus der Verschwendung Konsequenzen. Das passt also ins Gesamtbild.

    Jesus kommt hier aber tatsaechlich eher als "begossener Pudel" weg.

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  2. Danke für den Kommentar. Ja, iwie läuft´s wohl darauf hinaus. Ich taste mich aber trotzdem langsam ran und bin mir hie und da noch recht unsicher.

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