Montag, 18. August 2014

Das Abjatar-Problem


Teil 1 – Abjatar oder Ahimelech? (… und noch anderes mehr)

1) Wenn von den sogenannten „Fehlern“, „Irrtümern“ und „Widersprüchen“ der Bibel die Rede ist, wird als Beispiel gern auch die Abjatar-Stelle (auch Abiathar geschrieben) im Markusevangelium (Mk 2,26) angeführt.
David und Ahimelech
via wikipedia

Das Problem war bereits in der Spätantike bekannt. Der Kirchenvater Hieronymus schrieb in seinem Mitte der 390er Jahre verfassten Brief an Pammachius: „Derselbe Markus führt den Erlöser ein, wie er zu den Pharisäern spricht: 'Habt ihr nicht gelesen, was David tat, als er Not litt und samt seinen Begleitern hungerte? Wie er unter dem Hohenpriester Abiathar in das Haus des Herrn hineinging und die Schaubrote verzehrte, die niemand außer den Priestern essen durfte?' Schlagen wir einmal Samuel oder, wie der Titel gewöhnlich lautet, die Bücher der Könige nach! Dort werden wir finden, dass der Hohepriester nicht Abiathar, sondern Ahimelech hieß, der nachher von Doeg zusammen mit den übrigen Priestern auf Befehl Sauls umgebracht wurde.

Das Abjatar-Problem hat vor einigen Jahren neue Berühmtheit erlangt, als der bekannte amerikanische Bibelwissenschaftler Bart Ehrman es als Wendepunkt in seinem studentischen Werdegang bezeichnete. Das Problem habe, so Ehrman sinngemäß, am Beginn seiner Konversion vom Christen zum Agnostiker, vom fundamentalistischen Bibelausleger zum kritischen Wissenschaftler gestanden. In seinem 2. Semester schrieb Ehrman in einem Kurs über das Markusevangelium eine Abschlussarbeit und wählte die Abjatar-Stelle. Ziel seiner damaligen Argumentation war es nachzuweisen, dass die Nennung von Abjatar statt Ahimelech nicht wirklich ein „Fehler“ sei, sondern dass man Markus so zu verstehen habe, dass die von ihm wiedergegebene David-Erzählung in einem Bibelabschnitt zu finden ist, in dem Abjatar eine der Hauptpersonen sei: Abjatar also nicht als handelnde Person innnerhalb der David-Erzählung, sondern als Stichpunkt, wo diese David-Erzählung in der Bibel nachgelesen werden kann. Ehrman war sich sicher, dass sein Professor diese Argumentation wohlwollend aufnehmen würde, aber er täuschte sich: „But at the end of my paper he made a simple oneline comment that for some reason went straight through me. He wrote: 'Maybe Mark just made a mistake.' I started thinking about it, considering all the work I had put into the paper, realizing that I had had to do some pretty fancy exegetical footwork to get around the problem, and that my solution was in fact a bit of a stretch. I finally concluded, 'Hmm ... maybe Mark did make a mistake.' Once I made that admission, the floodgates opened. For if there could be one little, picayune mistake in Mark 2, maybe there could be mistakes in other places as well ..."

2) Dieses Problem hatte ich mir für meinem Sommerurlaub ausgewählt. Eine kurze Recherche vor Reiseantritt bestärkte mich in der anfänglichen Mutmaßung, dass Markus den Namen Abjatars nicht irrtümlich und fehlerhaft, sondern absichtlich und im Wissen um seine "Unrichtigkeit" gewählt hatte. Während einiger gemütlicher Radtouren wollte ich nun mit Muse darüber nachsinnen, aus welchem Grund Markus den Namen „geändert“ hatte.


Um nicht einen falschen Eindruck aufkommen zu lassen, will ich gleich sagen, dass ich eine „letztgültige Lösung“ des Abjatar-Problems nicht präsentieren kann. Einer Sache bin ich mir aber nunmehr ganz sicher: Markus unterlief kein „Fehler“ oder „Irrtum“. Seine Nennung von „Abjatar“ statt „Ahimelech“ geschah mit Absicht.

Dass dem so ist, erkennt man sofort, wenn man sich eine Sache verdeutlicht. In Wahrheit enthält die markinische Erzählung in Mk 2,25-26 über die kleine König-David-Geschichte aus 1. Samuel 21,1ff (entspricht in der Septuaginta LXX-1. Könige 21,1 ff) nicht einen Fehler („Abjatar“ statt „Ahimelech“), sondern strenggenommen acht (8) Fehler! Ein einziger Fehler mag einem irrtümlich unterlaufen, aber nicht die 8 „Fehler“, die Markus beging.

3) Robert Gundry hat meines Wissens als erster diese acht Fehler der markinischen Erzählung herausgearbeitet. Es sind – wie schon gesagt - strenggenommen durchweg „Fehler“, denn der markinische Jesus sagt in Mk 2,24: „Habt ihr nie gelesen, was David tat ...“ Die von Gundry aufgezählten 8 Punkte kann man jedoch alle nicht in 1. Samuel 21 (LXX-1. Könige 21) oder sonst im AT „lesen“.

Die markinischen „Unrichtigkeiten“ besitzen freilich einen unterschiedlichen Grad der Fehlerhaftigkeit. Einige „Fehler“ sind „verzeihlich“; man kann die von Markus gemachten Angaben zwar in 1. Samuel nicht „lesen“, aber mehr oder weniger gut reininterpretieren. Sie entsprechen noch einem möglichen Sinn der alttestamentlichen Erzählung. Andere sind „grobe“ Fehler und widersprechen dem alttestamentlichen Bericht deutlich. Zunächst der Text von Mk 2,25-26 in möglichst wortwörtlicher Übersetzung mit den einzelnen Fehlern, die ich abweichend von Gundry in der Reihenfolge des Textes aufführe:

Mk 2,25-26                                                          Fehlerbericht                                                           
Habt ihr niemals gelesen, was David tat, als

er Mangel hatte/ Not litt 1. Fehler - leicht (kann man nicht lesen, notfalls noch reininterpretierbar)
und er hungerte 2. Fehler – leicht (kann man nicht lesen, aber reininterpretierbar)
und die mit ihm 3. Fehler – schwer (David wird in 1. Sam 21,2 vom Priester gefragt: „Warum kommst du allein und ist kein Mann mit dir?“; Davids Antwort, dass seine Leute woanders auf ihn warten, entspricht nicht der Wahrheit und ist ein Täuschungsmanöver gegenüber dem Priester)
wie er hineinging in das Haus Gottes 4. Fehler – schwer (David ging nicht in das „Haus Gottes“, sondern fragte den Priester nach etwas Essbarem, der Priester gibt David die Brote: „Da gab ihm der Priester von dem heiligen Brot ...“; Psalm 52 [LXX-Psalm 51] spricht zudem davon, dass David in das „Haus Ahimelechs“ kam)
unter Abjatar 5. Fehler – schwer (Ahimelech und nicht Abjatar)
Hohenpriester 6. Fehler – leicht (Abjatar und Ahimelech werden im AT durchweg nur als „Priester“ bezeichnet, nie als „Hohenpriester“; da sie jedoch herausgehobene Funktionen wahrnahmen, ist die Interpretation als Hohepriester möglich)
und die Brote der Auslegung aß 7. Fehler – schwer (der Markusbericht scheint nahezulegen, dass David die Schaubrote im Haus Gottes aß, dies ist nicht mehr interpretierbar, im Übrigen wird auch das bloße Essen des Brotes nicht erwähnt)
welche nicht erlaubt ist zu essen, wenn nicht den Priestern

und gab auch den mit ihm Seienden? 8. Fehler – schwer (wie schon oben gezeigt war David allein, auch sonst ist nicht erwähnt oder auch nur angedeutet, dass er die Brote mit anderen teilte)


4) Wenn wir diese Fehler miteinander vergleichen, ist das Abjatar-Problem zwar die zunächst am deutlichsten ins Auge springende Unrichtigkeit, jedoch nicht die schwerwiegendste Veränderung, die Markus am Bericht aus 1. Samuel 21 vorgenommen hat . Viel grundsätzlicher sind zwei andere Abwandlungen.

Während in 1. Samuel 21 sowohl David als auch Ahimelech als handelnde und tatsächlich agierende Personen dargestellt sind, scheint Abjatar in Mk 2,25 ein bloßer Zuschauer des allein agierenden David zu sein. In 1. Samuel ist David ein Bittsteller des Priesters, bei Markus ein Draufgänger, der ohne priesterliche Mithilfe handelt. Im Markusevangelium erhält Davids Handeln fast einen - aus Not und Hunger geborenen - räuberischen und gesetzeslosen Charakterzug.

Die zweite grundsätzliche Veränderung der Geschichte ist das Geben des Brotes durch David an seine Gefährten, die in 1. Samuel 21 tatsächlich gar nicht existieren.

5) Die Abjatar-Stelle ist im Markusevangelium die zweite ausdrückliche Bezugnahme („Habt ihr niemals gelesen ...“) auf das Alte Testament.

Das erste Mal verweist Markus in Mk 1,2-3 auf das Alte Testament: „Wie geschrieben steht im Propheten Jesaja: 'Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, der deinen Weg bereiten soll. Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, macht seine Steige eben!'

Bereits hier ist zu bemerken, dass Markus einen äußerst kreativen Gebrauch des Alten Testaments macht und sich vor inhaltlichen „Unrichtigkeiten“ nicht ansatzweise scheut. Auch diese Stelle erwähnt Hieronymus in seinem Brief an Pammachius: „Markus, der Schüler Petri, beginnt sein Evangelium mit folgenden Worten: 'Anfang des Evangeliums Jesu Christi, wie geschrieben steht beim Propheten Isaias: Siehe, ich sende meinen Boten vor Deinem Angesichte einher, der Deinen Weg bereiten wird. Die Stimme des Rufenden in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, machet gerade seine Pfade!' Dieses Zeugnis setzt sich aus zwei Propheten zusammen, aus Malachias und Isaias. Der erste Teil: 'Siehe, ich sende meinen Boten vor Deinem Angesichte einher, der Deinen Weg bereiten wird' steht am Schlusse bei Malachias. Das zweite Stück jedoch, das mit den Worten: 'Die Stimme des Rufenden in der Wüste usw.' anhebt, findet sich bei Isaias. Wie kommt nun Markus dazu, gleich am Anfange seiner Schrift zu sagen: 'Wie geschrieben steht beim Propheten Isaias: Siehe ich sende meinen Engel?' Denn wie bereits bemerkt, finden sich diese Worte nicht bei Isaias, sondern bei Malachias, dem letzten der zwölf Propheten.

Anzumerken bleibt mir, dass Markus zudem Jesaja 40,3 und Maleachi 3,1 (bzw. 2. Mose 23,20) nicht ganz genau nach der Septuaginta zitiert, sondern zwei, drei leichte wörtliche Veränderungen vornahm.

6) Dass Markus die kleine David-Geschichte aus 1. Samuel 21 „eigenmächtig“ und absichtlich abwandelte, dürfte deutlich geworden sein.

Im zweiten und dritten Teil dieses Beitrags will ich zeigen, zu welchem Zweck Markus diese Änderungen vornahm und welche Rolle die markinische David-Interpretation im Gesamtkontext des Markusevangeliums spielt. Mit scheint, dass ich nunmehr in der Lage bin, recht schlüssig zu erklären, warum bei der Speisung der 5000 genau 5 Brote und bei der Speisung der 4000 genau 7 Brote von Jesus ausgeteilt wurden.

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