Freitag, 2. Januar 2015

Hans Thüsing „Das älteste Jesusbuch“



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1) Das Buch

Hans Thüsings „Das älteste Jesusbuch: Das Markusevangelium aus dem Urtext neu übersetzt und erläutert“, 2008, umfasst etwa 150 Seiten. Auf der linken Doppelseite ist jeweils der deutsche Text des Markusevangeliums nach Thüsings eigener Übersetzung abgedruckt. Thüsing dazu: „Die Übersetzung aus dem international anerkannten griechischen Urtext ist so wortgetreu wie nur möglich, weder geglättet noch geschönt. – In der Regel wird jedes griechische Wort jedes Mal mit dem gleichen deutschen Wort übersetzt. So steht für ‚euthus’, das bei Markus etwa vierzigmal vorkommt, auch im Deutschen vierzigmal ‚sogleich’.

Thüsings Übersetzung besticht durch eine verblüffende Klarheit der Sprache. Der Text ist sehr leserfreundlich gesetzt, so dass sich bereits bei der Lektüre Sinnzusammenhänge erschließen. Es ist ein Text, um sich gedanklich in ihm versenken und über ihn meditieren zu können. Zur Veranschaulichung dieser Darstellung wähle ich das Gleichnis vom Sämann (Mk 4,2ff) in Auszügen:

2   Er lehrte sie mächtig in Gleichnissen,
     und in seiner Lehre sagte er zu ihnen:

3           Hört!
             Seht, der Sämann ging aus um zu säen
4           Und es geschah beim Säen:
             Etwas fiel an den Weg, und die Vögel kamen und fraßen es

9   Er sagte:
             Wer Ohren hat zum Hören, höre!


10  Als er allein war,
             fragten ihn die um ihn herum mit den Zwölf nach den Gleichnissen …

Auf der rechten Seite findet sich eine knappe Kommentierung zum jeweiligen Markustext: „Diese Erläuterungen wollen vor allem auf die Zusammenhänge im ganzen Buch hinweisen.


2) Der Monsignore und sein Markus-Erlebnis

Hans Thüsing ist ein Monsignore nicht nur dem Titel und seinem Aussehen nach, sondern auch in der Art und Weise seines Argumentierens. Vorsichtig und behutsam führt er den Leser an seine Sichtweise heran, die „mancher Leserin und manchem Leser“ zuweilen auch „zu fremd und zu gewagt erscheinen“ könnte. Eine anstößige Interpretation findet sich in seinem Buch gleichwohl nicht. Wie kam Hans Thüsing nun zu seinem etwas anderen Verständnis des Markusevangeliums und welcher Art ist dieses eigentlich?

Darüber berichtet er etwas ausführlicher in seinem Aufsatz „Das Markus-Evangelium als Buch“ (Pastoralblatt für die Diözesen Aachen u.a., 12/2008, S. 365-372):

Damals, Ende der sechziger Jahre, wurde in der Öffentlichkeit die Frage diskutiert, ob und inwieweit Gewalt gegen Sachen und Personen erlaubt sei. … Mit diesem Interesse richtete ich mein Augenmerk auf die so genannte Tempelreinigung. … Und weil das Markus-Evangelium als ältestes Zeugnis für das Leben Jesu gilt, suchte ich und erwartete ich dort eine anschauliche Schilderung seiner erstaunlichen Tat zu finden.

Aber ich wurde enttäuscht. Ich fand keinen mehr oder weniger ausführlichen Bericht über diese bedeutungsvolle Begebenheit, sondern in vier kurzen Sätzen nur eine Skizze (Mk 11,15-17). Besonders fiel mir auf: Anstelle einer Wendung wie etwa: ‚Voll Zorn rief Jesus aus…’ findet sich hier: ‚Und er lehrte sie und sprach:’, und statt spontaner Worte der Entrüstung und Empörung oder der Trauer findet sich hier ein doppeltes Zitat, das aus Worten der zwei großen Propheten Jesaja und Jeremia zusammengesetzt ist: ‚Steht nicht geschrieben: Mein Haus wird ein Haus des Gebetes für alle Völker genannt werden? Aber ihr habt es zu einer Räuberhöhle gemacht.’

Mein ursprüngliches Interesse, durch den Markus-Text ein historisches Bild von der Gestalt Jesu und seinem Verhalten zu gewinnen – ein Interesse, das ich vermutlich mit vielen, die in den Evangelien lesen und sie studieren, teile - wurde nicht so befriedigt, wie ich es mir vorgestellt und gewünscht hatte. Im Gegenteil: Ich musste einsehen, dass eine solche Schilderung des Verhaltens Jesu für das Markus-Evangelium an dieser Stelle nicht wichtig war.

Daraufhin änderte ich meine Fragestellung. Ich verzichtete auf meine ursprüngliche Frage, wie ich mir das Ereignis im Leben Jesu vorzustellen habe. Stattdessen fragte ich von nun an danach, was Markus mit dem Erzählten sagen wolle. Heute formuliere ich das so: Lieber Markus: Wenn du nicht sagen willst, was ich wissen will, dann möchte ich wissen, was du sagen willst.

Im Ergebnis seiner langjährigen Beschäftigung mit dem Markusevangelium unterbreitet Hans Thüsing den Lesern nun einige kleine Vorschläge:

Das Lesen des Markusevangeliums 

- nicht als Sammlung einzelner kleiner Szenen, sondern im Ganzen als „kunstvoll aufgebautes, mit überzeugender Einfachheit gegliedertes und in vieler Hinsicht sehr überlegt formuliertes Werk

- nicht immer nur als Ausschnitt und Teil der heiligen Schriften, sondern auch einmal als eigenständiges Werk, dass über eine gewisse „Selbständigkeit“ verfügt

- unabhängig von der Reihenfolge in der Bibel als das zeitlich älteste und damit erste Evangelium

- unabhängig von den Evangelien nach Matthäus und Lukas, „denn Markus hat nicht die gleichen Interessen und Schwerpunkte wie Matthäus und wie Lukas

- unabhängig von den später entstandenen Überschriften

- als einen Text, der auch „manche Rätsel und besondere Herausforderungen“ für den Leser bereit hält

- nicht als eine wie auch immer geartete Biografie von Jesus, sondern als Glaubensbuch

Damit erweist sich dieses so gut lesbare und anschauliche Buch als eine Kurzdarstellung des christlichen Glaubens. Alles Wesentliche kommt zur Sprache, mit der Person Jesu verbunden, verlässlich und in meisterhafter Ordnung dargeboten. Als erster ‚Grundriss der christlichen Heilsverkündigung’, erster in der bald zweitausend Jahre langen Geschichte der Christenheit, zugleich als ältestes Jesusbuch und Glaubensbuch ist es bis heute unübertroffen und unersetzlich.

Zu Thüsings eigenen Forschungsergebnissen gehört vor allem die Entschlüsselung der von Markus vorgenommenen Gliederung des Evangeliums in drei Hauptteile sowie die Untergliederung der ersten beiden Hauptteile in fünf Lehreinheiten:

- Die neue Lehre (Mk 1,16-3,6)
- Vom Wort (Mk 3,7-4,34)
- Vom Glauben (Mk 4,35-6,6a)
- Vom Brot (Mk 6,6b-8,26)
- Vom Weg (Mk 8,27-10,52)


3) Ein Markus mit „Persönlichkeit“  

Die Mehrheit der christlichen Exegese hat Markus selten Charakter zugesprochen. Sie hat ihn in ihrer fast 2000jährigen Geschichte als einen „Augenzeugen von Jesus“ oder als „Dolmetscher von Petrus“ oder als „Sammler und Herausgeber von Jesusüberlieferungen“ interpretiert. Am Ende blieb von seiner eigenen Persönlichkeit kaum etwas übrig. Sie konnte sich für Matthäus, Lukas oder Johannes stets mehr erwärmen als für Markus.

Im vergangenen Jahr 2014 veröffentlichte Prof. Dr. Sandra Hübenthal ihr Werk „Das Markusevangelium als kollektives Gedächtnis“ mit dem die Depersonalisierung von Markus nun einen neuen Höhepunkt erreicht. Auf mehr als 500 selbstverliebten Seiten wird dabei nicht dem Markusevangelium an sich, sondern der „These“ der Professorin und anderer Theologen nachgegangen, dass man das Markusevangelium ja als Schöpfung eines „kollektiven Gedächtnisses“ begreifen könne. 

Die Intention von Hans Thüsing bewegt sich jenseits derartiger Eitelkeiten: „Meine ursprüngliche Absicht war es, so wenig Erläuterungen wie möglich zu geben, damit der Text des Markusevangeliums nicht in den Hintergrund tritt.“ Kein Wunder, dass er im Gegensatz zur Wissenschaftlerin ein kluges Bild von Markus zeichnet:
Ich liebe diese Bild aus der Schedelschen Weltchronik von 1493, weil es den Evangelisten Markus so lebendig zeigt als einen Gelehrten mit wachen, aufmerksamen, kritischen Augen, ein Fass von Gelehrsamkeit. Die Mitte des Bildes ist das sehr sorgfältig dargestellte Buch, schön aufgeschlagen. Er hält es in seiner linken Hand, der Zeigefinger seiner Rechten weist bedeutsam darauf hin. Unten schaut der Löwe, das Symbol des Markus, so verschmitzt aus dem Bild, als wolle er auf eine besondere Eigenart des Markusevangeliums hinweisen: ‚Da ist etwas versteckt, damit man es entdeckt.’

Man lese Thüsings Buch – um mit Jesaja und Markus zu sprechen - als die behutsame Stimme eines Rufenden, der in der Wüste der deutschen Markuswissenschaft dem ältesten Evangelium den Weg bahnt.  

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