Montag, 13. Juli 2015

Johannes der Täufer und das „Elija-Geheimnis“ II


Mein Eindruck ist, dass das Markusevangelium die Figur von Johannes dem Täufer in drei Punkten in auffälliger Weise „ausschmückt“ und „positioniert“. In allen drei Fällen weist die Figur des Täufers auf Jesus hin, sowohl auf Unterschiede als auch auf Gemeinsamkeiten der beiden. Die literarischen Mittel, die Markus hierzu verwendet, kann man als „Wiederholung“ und „Parallelisierung“ (einschließlich der Unterschiede) bezeichnen.
Passion des Täufers - via vultuschristi.org

Während der von Markus beabsichtigte Sinn des dritten Themenkomplexes, die Parallelisierung der Passion des Täufers und von Jesus, greifbar erscheint, „irritieren“ die ersten beiden Fälle, weil deren Bedeutung auf den ersten Blick eher dunkel und vielleicht gar kurios anmutet.


1) Wenn es im Markusevangelium Mystik (oder zumindest einen starken Symbolismus) gibt, so ist Gegenstand dieser Mystik die Nahrung und Kleidung Jesu´. Offensichtlich ist diese Eigenart in Bezug auf das (nicht nur) beim Abendmahl ausgeteilte Brot und den ausgeschenkten Wein. Bei näherer Betrachtung bemerkt man zugleich, dass auch die Gewänder von Jesus quer durch das Evangelium mit einer starken symbolischen Bedeutung aufgeladen sind.

Bei einem Vergleich des Täufers mit Jesus in Fragen der Nahrung und Kleidung zeigt sich, dass Markus zwischen beiden deutliche Unterschiede gezeichnet hat.



Johannes Jesus
Nahrung Mk 1,6 Johannes ... aß Heuschrecken und wilden Honig Mk 14,22ff Und als sie aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach's und gab's ihnen und sprach: Nehmet; das ist mein Leib. Und er nahm den Kelch, dankte und gab ihnen den; und sie tranken alle daraus. Und er sprach zu ihnen: Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird.
Kleidung Mk 1,6 Johannes aber trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Lenden
Mk 5,27 Als die von Jesus hörte, kam sie in der Menge von hinten heran und berührte sein Gewand. Denn sie sagte sich: Wenn ich nur seine Kleider berühren könnte, so würde ich gesund.
Mk 6,56 Und wo er in Dörfer, Städte und Höfe hineinging, da legten sie die Kranken auf den Markt und baten ihn, dass diese auch nur den Saum seines Gewandes berühren dürften; und alle, die ihn berührten, wurden gesund.
Mk 15,16f Die Soldaten aber ... zogen ihm einen Purpurmantel an und flochten eine Dornenkrone und setzten sie ihm auf
Mk 15,24 Und sie kreuzigten ihn. Und sie teilten seine Kleider und warfen das Los, wer was bekommen solle.
Mk 15,45f ... gab er Josef den Leichnam. Und der kaufte ein Leinentuch und nahm ihn ab und wickelte ihn in das Tuch und legte ihn in ein Grab

Einerseits ist deutlich, dass die Nahrung und Kleidung des Täufers nicht über eine „Alltagsfunktion“ hinausreicht, während es sich bei Jesus´ Kleidung und Nahrung zugleich um symbolische Objekte handelt. Andererseits sind Kleidung und Nahrung des Täufers „tierische“ (selbst der durch Bienen gesammelte Honig) und unzubereitete Produkte (wörtlich heißt es: Und war der Johannes gekleidet [in] Haaren Kamels ...), während Jesus eher mit pflanzlichen Produkten (Brot, Wein, Leinen) assoziiert ist, die zudem einen Herstellungsprozess durchlaufen mussten.

Beide Motive kehren auch bei der Frage nach dem Fasten in Mk 2,18ff wieder.

Vergleich der Jünger des Johannes mit Jesus´ Jüngern
Und die Jünger des Johannes und die Pharisäer fasteten viel; und es kamen einige, die sprachen zu ihm: Warum fasten die Jünger des Johannes und die Jünger der Pharisäer, und deine Jünger fasten nicht? Und Jesus sprach zu ihnen: Wie können die Hochzeitsgäste fasten, während der Bräutigam bei ihnen ist? Solange der Bräutigam bei ihnen ist, können sie nicht fasten. Es wird aber die Zeit kommen, dass der Bräutigam von ihnen genommen wird; dann werden sie fasten, an jenem Tage.

Kleidung
Niemand flickt einen Lappen von neuem Tuch auf ein altes Kleid; sonst reißt der neue Lappen vom alten ab und der Riss wird ärger.

Nahrung
Und niemand füllt neuen Wein in alte Schläuche; sonst zerreißt der Wein die Schläuche und der Wein ist verloren und die Schläuche auch; sondern man soll neuen Wein in neue Schläuche füllen.

Markus will in diesen Abschnitten offenbar eine Unterscheidung zwischen Johannes und Jesus geltend machen, bei der Johannes eher als das „Althergebrachte“ und Jesus als das „Neue“ dargestellt ist.


2) Die zweite Thematik betrifft die Frage nach Jesus´ „Identität“.
 
Herodesbekenntnis(Mk6,14ff) Petrusbekenntnis(Mk8,27ff)
14 Und es kam dem König Herodes zu Ohren; denn der Name Jesu war nun bekannt. 27 Und auf dem Wege fragte er seine Jünger und sprach ...: Wer, sagen die Leute, dass ich sei?
Und die Leute sprachen: Johannes der Täufer ist von den Toten auferstanden; darum tut er solche Taten. 28 Sie antworteten ihm: Einige sagen, du seist Johannes der Täufer;
15 Einige aber sprachen: Er ist Elia; einige sagen, du seist Elia;
andere aber: Er ist ein Prophet wie einer der Propheten. andere, du seist einer der Propheten.
16 Als es aber Herodes hörte, sprach er: Es ist Johannes, den ich enthauptet habe, der ist auferstanden. 29 Und er fragte sie: Ihr aber, wer, sagt ihr, dass ich sei? Da antwortete Petrus und sprach zu ihm: Du bist der Christus!

Erneut ist hier die von Markus bewusst herausgearbeitete Parallelisierung dieser Stellen offensichtlich.

Am bemerkenswertesten erscheint vielleicht sogar die gemischte Meinung des „Volkes“. Obwohl dessen Ansichten (Täufer, Elia, Prophet) für den Leser augenscheinlich unrichtig sind (Jesus begegnet dem Täufer bei der Taufe in Mk 1,9 und Elia in Mk 9,4), scheinen sie andererseits in der Tendenz durch Markus im Gleichnis von den Weinbauern (Mk 12,1ff) am stärksten bestätigt zu werden. Jesus wird dort als Sohn und letzter Gottesgesandte in die Reihe der verfolgten Propheten gestellt, während Herodes und Petrus diesen Punkt augenscheinlich verkennen bzw. letzterer ihn auch nicht wahrhaben will.


3) Dieses Thema leidet zum dritten Komplex über: die Parallelisierung der Passion von Johannes und Jesus.

In Leidensweg und Tod des Täufers und Jesus begegnet dem Leser eine Fülle von Wiederholungen von Wörtern, Phrasen und Motiven.

Die Opfer und ihr Tod

- Johannes (Mk 6,17) und Jesus (Mk 3,21; 12,12; 14,1.44.46) werden beide „ergriffen“ bzw. sollen „ergriffen werden“ (κρατέω – krateó)
- Johannes (Mk 6,17) und Jesus (Mk 15,1) werden beide „gebunden“ (δέω - deó)
- Johannes (Mk 1,14) und Jesus (Mk 3,19; 9,31; 10,33; 14,10.11.18.21.41.42.44; 15,1.10.15) werden beide „übergeben“ bzw. „überantwortet“ (παραδίδωμι - paradidómi)
- beider „Leichnam“ (πτῶμα – ptōma), der von Johannes (Mk 6,29) und Jesus (Mk 15,43.46), wird genommen und „in ein Denkmal, eine Erinnerungsstätte (ἐν μνημείῳ - en mnēmeiō) gelegt“ (τίθημι – tithémi)
- beide erleiden einen Tod, der vor dem biblischen Hintergrund nur schlimmsten Übeltätern zukommt (Johannes wird wie Holofernes im Buch Judith enthauptet, Jesus wird wie Haman Hammedata im Buch Esther gekreuzigt – die Septuaginta verwendet in Esther 7,9 und 8,12r das Wort für „kreuzigen“ [σταυρόω - stauroó])
- Jesus spielt sowohl im Gleichnis von den Weingärtnern (Mk 12,4.6) als auch in der Ölbergrede (Mk 13,9) auf das Schicksal und den Tod von Johannes und Jesus an


Die Entscheidungsträger

- die Entscheidungsträger, Herodes und Pilatus, wollen von sich aus weder Johannes (Mk 6,19f., 26) noch Jesus (Mk 15,10.14) töten
- der Tötungsbefehl der Entscheidungsträger wird nicht durch ihren freien Willen bestimmt (Herodes ist durch den Eid gegenüber der Tochter gebunden – Mk 6,23.26; Pilatus durch den Brauch, einen Gefangenen freizugeben – Mk 15,6.8))
- mit dem Tötungsbefehl wollen beide Entscheidungsträger auch die Anwesenden zufrieden stellen, bei Herodes sind es die Gäste seiner Geburtstagsfeier (Mk 6,26) und bei Pilatus das Volk (Mk 15,15)
- die Namen beider Entscheidungsträger haben eine „kriegerische“ Doppelbedeutung (Herodes – der „Heldenhafte“; Pilatus – der „Speer“) und werden von Markus nie mit ihrem historisch vollständigen und korrekten Namen (Herodes Antipas, Pontius Pilatus) und Titel („König Herodes“ statt des historisch richtigen „Tetrarch“, nur „Pilatus“ statt Präfekt) bezeichnet


Die Anstifter

- in beiden Fällen bewegen die Anstifter starke Gefühle (Mk 6,19 Herodias „hat es in sich“ [ἐνεῖχεν – eneichen)], Mk 15,10 die Hohenpriester handeln aus „Neid“)
- die Anstifter wünschen zu töten (Mk 6,19 Herodias; Mk 3,6; 14,1 Jesus Gegner), können dies aber zunächst nicht (Mk 6,19; 14,2)
- die Tötung von Johannes (Mk 6,21) und die Gefangennahme von Jesus (Mk 14,10) geschieht zu einem Zeitpunkt, der von Markus als (Tag einer) „gute(n) Gelegenheit“ (εὔκαιρος – eukairos) bezeichnet wird
- die Anstifter leiten andere Personen an, um die Tötungsabsicht bei dem Entscheidungsträger durchzusetzen (Mk 6,24 Herodias ihre Tochter; Mk 15,11 die Hohenpriester das Volk)

Kommentare:

  1. Diese Darstellung zur Enhauptung des Johannes muß in gewaltigem Maße angezweifelt werden ! Denn die Gerichtsbarkeit zum Töten eines Menschen , in diesem Falle Johannes , lag ausschließlich beim römischen Landpfleger Pilatus ! Hätte dieser jüdische König Herodes diese Untat , wenn auch nur aus Jux und Dollerei , oder eben aus Liebe zu seinen Familienangehörigen veranlasst , so wäre er beim römischen Prokurator Pilatus wegen Kompetenzüberschreitung in Ungnade gefallen und wäre deswegen selber ans Kreuz genagelt worden ! Huier sehen wir also ganz klar ::: Eine schwindelerregende Darstellung des Evangelienschreibers , eine Unglaubwürdigkeit vom Allergröbsten ..... Also nix Märtyrer -- Ereignis ......

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    1. Danke für Ihren Kommentar Herr Popp. Um ganz ehrlich zu sein, ich selbst glaube nicht, dass die Darstellung "in gewaltigem Maße angezweifelt werden muss". Sie scheinen die traditionelle Meinung zu teilen, dass es die Absicht von Markus gewesen sei, der Leser möge seine Schilderung als historischen Tatsachenbericht lesen. Ich halte seine Geschichte schlicht für eine theologisch-philosophische Erzählung und störe mich daran genauso wenig wie über Homer oder Goethe, die beide doch auch keine historischen Biografien eines Königs von Ithaka oder des historischen Johann Faust schreiben wollten. Viele Grüße, Kunigunde

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