Freitag, 12. Mai 2017

Bedächtige Rhythmen bei Paulus

Literatur ist Geschmackssache. Man kann schlecht über sie streiten. Mich selbst aber beeindrucken vor allem vier neutestamentlicher Schriftsteller: Markus als großer Erzähler, Johannes als findiger Metaphernschmied, der 1. Petrusbrief mit seinem geschliffenen und verbindlichen Stil und Paulus.

Paulus wird häufig nur als Theologe wahrgenommen und die poetischen Stücke seiner Briefe, wie das Hohelied der Liebe oder der Philipperhymnus, als Einfügungen, die von einer anderen Hand stammen. Dabei wird meiner Meinung nach übersehen, dass Gedankenführungen bei Paulus in häufigen Fällen rhythmisch gestaltet sind.

Der Rhythmus entsteht vor allem sprachlich durch Wiederholungen von Wörtern oder einzelner Wortgruppen und gedanklich durch wiederkehrende Gegenüberstellungen und Aufzählungen sowie Untergliederungen des Textes. Ich habe dazu vier kleine Textstücke rausgesucht und sie in eine Form gesetzt, die hoffentlich das Gespür für die Rhythmik erleichtern könnte.

In Galater 1:1 sind sowohl Wortwiederholungen („Menschen“) und Gegensätze (Mensch <-> Jesus Christus) zu finden. Zudem spielt Paulus mit den griechischen Präpositionen „apo“ und „dia“, wobei die erste im Wort „Apostel“ als Vorsilbe auftaucht.

Samstag, 8. April 2017

Jenseits der „Frage nach der Auferstehung“ (Markus 12:18-27)

1) Wer sich ein wenig damit auskennt, weiß, dass die Überschriften in der Bibel nicht von den biblischen Autoren stammen, sondern von den Herausgebern moderner Bibeleditionen. Je nach Übersetzung können sie deshalb auch unterschiedlich lauten. Viele davon sind treffend und fassen die dazugehörige Schriftstelle unter einem einprägsamen Stichpunkt zusammen. Andere scheinen eher ungenau gewählt zu sein. Meines Erachtens ist Markus 12:18ff für letztere ein Beispiel. Luther, Elberfelder und Schlachter 2000 haben diesem Abschnitt die Überschrift „Die Frage nach der Auferstehung“ gegeben. In der Einheitsübersetzung und der Neuen Genfer lautet sie: „Die Frage nach der Auferstehung der Toten“. Manche große Übersetzungen formulieren als Fragestellung wie die Gute Nachricht: „Werden die Toten auferstehen?

Mose am Dornbusch
Mir scheinen diese Überschriften eher verfehlt, weil eine „Frage nach der Auferstehung“ in Markus 12:18ff nicht gestellt wird. Die Frage der Sadduzäer an Jesus lautet sinngemäß: „Von welchem Bruder wird sie in der Aufstehung die Frau sein?“ Es handelt sich dabei um eine Frage nach der Zugehörigkeit zu einem Ehepartner.

Ungeachtet dessen widmet sich die gänzlich überwiegende Mehrheit der Gelehrten ebenfalls dieser angeblichen Auferstehungsfrage, sobald der Textabschnitt erörtert wird. Vor einigen Jahren wurde an einer theologischen Fakultät sogar eine Seminararbeit zu dem Thema „Die Frage der Sadduzäer nach der Auferstehung (Mk 12,18-27)“ ausgegeben, in der dann auch behauptet wird: „So ergeht es auch den Sadduzäern, die in Mk 12,18-27 die Frage nach der Auferstehung, die in jener Zeit durchaus umstritten war, stellen.“ Nö, machen sie eben nicht, möchte man entgegnen, würde damit aber auf nahezu verlorenem Posten stehen.


2) Ich habe ein paar Mutmaßungen über dieses Desinteresse am Evangeliumstext angestellt und glaube, dass drei Gründe dafür ausschlaggebend sein könnten.

Mittwoch, 1. März 2017

Rezension zu Stefan Lücking: „Mimesis der Verachteten“

1) Im vergangenen Jahrhundert herrschte – wie Stefan Lücking sagen würde – „ein rein historisches Interesse an den biblischen Texten vor. Sie wurden nach der historischen ‚Welt hinter dem Text’ befragt, sei es derjenigen der frühchristlichen Gemeinden oder der des ‚Lebens Jesu’“. Büchern, die diesem Interesse und dem, was damals als wichtig und wesentlich galt, nicht gerecht wurden, blieben Wahrnehmung und Anerkennung häufig versagt. Man meinte, dass sie das eigentliche Thema verfehlt hätten. Unter diesen wenig beachteten Arbeiten findet sich auch ein kleines Meisterwerk: Stefan Lückings „Mimesis der Verachteten“.

Wie der Untertitel besagt, handelt es sich bei dieser Monografie um eine „Studie zur Erzählweise von Mk 14:1-11“ (dem „Verrat des Judas“ und der „Salbung von Bethanien“). Obwohl es vor 25 Jahren geschrieben wurde, zählt es noch heute zu den exaktesten Analysen dieses Evangeliumabschnitts. Das Buch unternimmt aber weit mehr. Lücking hält den Leser an, diese Verse aus einer bestimmmten Perspektive in den Blick zu nehmen. Es ist die Sicht der griechisch-römischen Antike auf die Art und Weise der literarischen Darstellung, wie sie vor allem durch die Philosophen Platon und Aristoteles begründet wurde und sich in den Tragödien und Epen jener Epoche widerspiegelte.

In welchem Verhältnis steht das Markusevangelium zur Literatur der griechisch-römischen Antike? Und was für eine Art von Literatur stellt es dar? Marius Reiser meinte einst, es handele sich bei der markinischen Erzählung um „hellenistische Volksliteratur“, Eve-Marie Becker ordnete es der heidnischen Geschichtsschreibung zu, Klaus Berger sah darin vor allem eine Art antike griechische Biografie.

Gegen diese beruhigenden Einordnungen zeigt Lücking, dass das Markusevangelium in mehrfacher Hinsicht mit den Eigenheiten der hellenistischen Literatur brach und sich von ihr entschieden absetzte. Für die Welt der griechisch-römischen Literatur war die Erzählung von Markus nicht nur inhaltlich, sondern vor allem auch in der Art und Weise des Erzählens etwas Neues, Fremdes und Unerhörtes.

Montag, 30. Januar 2017

Annales 15.44: Tacitus über Christus


1) Gelehrte, die in den vergangenen 250 Jahren über Tacitus und das frühe Christentum schrieben, teilten in der Regel zumindest einen von zwei Beweggründen. Sie forschten über den „historischen Jesus“ und/oder die „Neronische Christenverfolgung“. Meist leitete sie ein starker Erkenntnisoptimismus. Ihre Interpretationen gingen zwar oft weit auseinander, aber jeder war überzeugt, dass die seine der Wahrheit nahe kommt.

Mein eigenes Interesse an Tacitus und den sogenannten „Außerchristlichen antiken Quellen zu Jesus“ ist eher bescheiden. Ich würde lediglich gern wissen, ab welchem Zeitpunkt ein nichtchristlicher Autor von den – sagen wir - „Berichten über Jesus“ Kenntnis besaß. Dabei neige ich eher zum Skeptizismus. Mit Ausnahme der Tacitus-Stelle halte ich es eher für wahrscheinlich, dass die „außerbiblischen Belege“ zu Jesus gefälscht oder nicht relevant sind.

Mir scheint auch, dass der Bericht von Publius Cornelius Tacitus gewisse Eigenheiten aufweist, deren sachgerechte Interpretation einem echten Tacitus-Kenner vorbehalten bleiben sollte. Ungeachtet dessen will ich versuchen, einige alte und fast vergessene „Wahrheiten“ über die Christus-Stelle von Tacitus neu zu formulieren.


2) Die Überlieferung des Textes

Die Christus-Stelle findet sich um 15. Buch der „Annalen“ des Tacitus. Wie sein Vorläufer, die „Historien“, wäre dieses antike Geschichtswerk fast verloren gegangen. Es ist in lediglich zwei Handschriften überliefert, deren eine die Bücher 1-6 und deren andere die Bücher 11-16, beide teils mit Lücken, wiedergeben. Alle weiteren erhaltenen Manuskripte gehen auf diese zwei Handschriften zurück, die nach ihrer Auffindung in der Zeit der Renaissance von der berühmten italienischen Familie der Medici erworben wurden und sich in deren nachgelassener Bibliothek in Florenz befinden (Biblioteca Medicea Laurenziana). Es handelt sich dabei um die
Mediceus I

1. Handschrift: Sie enthält die Bücher 1-6 der Annalen
Plut.68.1, Codex Laurentianus Mediceus 68.1., um 850 wohl in Fulda geschrieben, karolingische Minuskelschrift

Mediceus II
2.Handschrift: Sie enthält die Bücher 11-16 der Annalen und die Historien
Plut.68.2, Codex Laurentianus Mediceus 68.2., wohl um 1050 in Monte Cassino geschrieben, beneventanische Minuskelschrift